
Decision Drift
Entscheidungen scheitern selten in einem Moment. Sie driften—leise—bis die Realität nicht mehr zur ursprünglichen Absicht passt.
Die meisten Entscheidungen brechen nicht.
Sie driften.
Nicht weil jemand sie offiziell zurücknimmt. Nicht weil das Team „seine Meinung ändert“.
Sondern weil die Realität weiterläuft, während die Entscheidung nie wieder besucht wird.
Decision Drift ist die stille Abweichung zwischen der Absicht einer Entscheidung und der gelebten Realität des Systems.
Drift ist kein einzelnes Ereignis
Teams suchen oft nach einem klaren Auslöser.
Ein Release. Ein Commit. Ein Moment.
Drift hat selten einen sauberen Zeitstempel.
Er entsteht durch kleine, vernünftige Schritte:
- eine Schutzmaßnahme wird ergänzt
- eine Ausnahme wird eingeführt
- ein „temporärer“ Workaround wird dauerhaft
- neue Constraints formen das Verhalten
Jeder Schritt wirkt plausibel.
Das Ergebnis oft nicht.
Das typische Muster
Eine Entscheidung wird getroffen – mit klarer Absicht:
- welches Problem gelöst werden soll
- warum ein Trade-off akzeptabel ist
- welches Signal sich ändern sollte, wenn die Entscheidung richtig war
Dann wird ausgeliefert.
Und die Entscheidung verschwindet in Code, Konfiguration und Gewohnheit.
Übrig bleiben Outcomes.
Dashboards zeigen Bewegung.
Aber nicht Bedeutung.
Ein einfaches Beispiel
Entscheidung: Onboarding-Reibung reduzieren.
Erwartung: Time-to-value sinkt.
Dann, über Zeit:
- ein zusätzlicher Verifikationsschritt „zur Sicherheit“
- ein Modal „zur Erklärung“
- ein Feld wird „für Segmentierung“ Pflicht
- Edge-Cases erzeugen neue Flows
Niemand erklärt einen Rückzug.
Doch das Onboarding wird schwerer.
Metriken zeigen nur das Ergebnis.
Was unsichtbar bleibt: Das System spiegelt die ursprüngliche Entscheidung nicht mehr.
Warum Drift schwer zu sehen ist
Drift versteckt sich in guten Absichten.
Er entsteht durch lokale Optimierungen, wachsende Ausnahmen, unterschiedliche Constraints – und fehlendes Entscheidungs-Gedächtnis.
Klein für klein.
Aber kumulativ.
Drift ist weder Bug noch Technical Debt
Bugs sind Abweichungen von spezifiziertem Verhalten.
Drift ist Abweichung von beabsichtigter Begründung.
Und wenn Drift akkumuliert, wird er zu Decision Debt.
Was Drift stoppt
Mehr Dashboards stoppen Drift nicht.
Dashboards sind stromabwärts.
Drift beginnt stromaufwärts.
Drift stoppt, wenn Entscheidungen als dauerhafte Entitäten behandelt werden:
- Entscheidung explizit
- Erwartungen explizit
- Signale definiert
- Realität regelmäßig geprüft
- Revisit ist normal
Der Test
„Wissen wir in 90 Tagen noch, was wir erwartet haben?“
Wenn nicht, ist Drift nicht Risiko.
Drift ist bereits geplant.
Der Punkt
Decision Drift entsteht, wenn Entscheidungen als Momente behandelt werden.
Doch Entscheidungen sind keine Momente.
Sie sind lebendige Entitäten, deren Richtigkeit über Zeit geprüft wird.
Drift sichtbar zu machen ist kein Blame-Tool.
Es ist ein Erinnerungs-Tool.
Afterchange Team
Wir helfen Teams, Entscheidungen zu verfolgen und Auswirkungen zu messen.